10 Jahre „! NieWieder - Erinnerungstag im Deutschen Fussball“ - Ein Rückblick

10 Jahre „! NieWieder – Erinnerungstag im Deutschen Fussball“ – Ein Rückblick

Das 10-jährige Jubiläum der NieWieder-Bewegung fand vpm 10. bis 12. Januar 2013 in Frankfurt/M, in den Räumlichkeiten des Hessener Sportbundes und der Eintracht statt. Nebenan der DFB.

Die Creme de la Creme der Ultrabewegungen von der 1./2./3. Liga kamen aus allen Richtungen des Landes. Sehr viele Menschen wollten hören, was an Erfahrungen und Erkenntnissen aus der Wissenschaft und Sozialarbeit im Kampf gegen Rassismus, Homophobie, Antisemitismus, Antiziganismus und Islamophobie zu Berichten ist. In vielen Panels konnten Fachleute aus der Basis, Geschichte und Wissenschaft den Anwesenden erläutern, was in der Vergangenheit geschah und heute geschieht.

Willi Lemke , langjähriger Manager des SV Werder, langjähriger Senator in Bremen und seit 2008 Sonderberater des UN-Generalsekretärs für Sport, eröffnete als Schirmherr die 3-tägige Veranstaltung.

Zeitzeugen

Schon am Freitag begann die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Thematik. Im Forum „Erzählen aus der eigenen Geschichte, wie es damals so war und was das heute für die Fußballfamilie bedeutet“, berichteten viele Zeitzeugen über Ihre Erlebnisse im deutschen Fußball während des Nationalsozialismus.

Katharina Kerr, Tochter des damaligen Trainers Fritz Kerr (Kohn) der Stuttgarter Kickers, der von Nazis verfolgt wurde, schilderte unter anderem ihre Ängste und das es ihr immer wieder schwer falle, nach Deutschland zu kommen. Die Anwesenheit der jungen Fanszene ermutigt sie jedoch, wieder zu kommen. Ernst Grubes Geschichte zeigte, dass in der jungen Geschichte zivilisierte Bürger, die gegen Rechts kämpften vom Rechtssystem daran gehindert und verfolgt wurden. Seit den Erkenntnissen der NSU wunderte dies viele nicht. Gerald Asamoah erzählte, wie er immer wieder diskriminiert wurde und ihm das zwar persönlich nichts mehr ausmache, er sich aber für seine Kinder ein Deutschland ohne Rechtsradikalismus und Rassismus wünsche. Ali Yalpi, Konfliktmanager im Amateurfussball, erzählte, wie das Wort Integration – bezogen auf Migranten und deren Vereine – missbraucht und sie regelrecht ausgegrenzt werden.

In den folgenden Tagen kamen weitere Gäste wie Marco Bode und weitere Zeitzeugen. Insbesondere Ricardo Pacifici, Mitglied der jüdischen Gemeinde Roms, berichtete vom Erinnerungstag im italienischen Fußball und den Entwicklungen dort, die sehr nachdenklich machen. Er ging im Speziellen auf die Fangemeinde von Lazio Rom ein. Die Probleme im italienischen Fußball mit rechten Fans sollten vielen Fußballfans bekannt sein.

Unterwanderung der Fanszene

Einfluss und Macht von Neonazis im Fußball

Gerd Dembowski ging auf die Entwicklung in deutschen Profivereinen und seinen Fans ein. Er gab zu verstehen, dass sich dort etwas entwickelt, dem mit fortschreitender Zeit immer schwieriger Herr zu werden ist. Die Problematik mit rechten Fans aus Braunschweig, Duisburg, Dortmund und insbesondere Aachen sind weitaus ernster als es oft nach außen dargestellt wird. Dies zeigte sich such in den Berichten Aachener Fans:

„Sie haben uns in der Stadt aufgelauert. Sie kamen nachts in unsere Schlafräume.“

Die Berichte Aachener Fans sorgten dabei für Gänsehaut und Starre bei den Anwesenden.

Die Präsidenten des DFB und DFL saßen in der ersten Reihe und hörten aufmerksam zu. Jetzt sollten sie an die Reihe kommen und bekamen die Chance, sich zu den Ereignissen zu äußern. Dass die Fanszenen auf der einen Seite und Verbände sowie Politik auf der anderen Seite spätestens seit dem so genannten „Sicherheitskonzept“ verstritten sind, ist ein offenes Buch. Dr. Reinhard Rauball , Präsident des DFL, fand die richtigen Worte. Er zählte auf, was sich in letzter Zeit einiges getan haben und zukünftig weiterhin tun werde, aber auch der Verband dabei an seine Grenzen kommt. Er kritisierte die Bundesregierung, weil diese viel zu wenig tue, um hier sinnvoll und präventiv wirken zu können – Worte, die die Fans gerne hörten. Der Präsident des DFB, Wolfgang Niersbach , musste sich aus dem Publikum weit kritische Stimmen anhören und ging auf diese ein.

Obwohl sich der Moderator Marcel Reif sichtlich mühte, mehr von den Verantwortlichen zu erfahren und dabei auch über seine negativen Kenntnisse aus dem polnischen Fußball und der Legia Szene berichtete, war dies erfolglos. Nach Ende der Diskussion wurden Herr Rauball und Herr Niersbach von Marcel Reif verabschiedet. Eine gute Absicht des Moderators, aber da wurde anscheinend die Rechnung ohne die Ultras vor Ort gemacht. Einige Vertreter aus Braunschweig, Aachen und Düsseldorf kamen ruhig auf die Bühne.

Dort wurde den Präsidenten ein Briefumschlag gegeben. Es ist eine Bitte um ein „Dialog“ und den gemeinsamen Kampf gegen die Rechten im Stadion. Das, was die Ultras immer wollten, was aber immer wieder verhindert wurde. Dialog und gemeinsames vorgehen, statt immer wieder abgestempelt zu werden, wie zuletzt vom bisherigen Innenminister Hans-Peter Friedrich.

Die Präsidenten nahmen den Umschlag an.

Ein schönes Bild!

Und plötzlich die Blitzlichter.

Blitzlichter – Zivilcourage der Medien?

Etwas was alle Anwesenden sehr verärgerte, auch die Gäste aus dem Ausland, muss an dieser Stelle noch erwähnt werden. Die gesamte Veranstaltung begann am späten Nachmittag des Freitags. Es folgte wissenswertes über die Geschichte des Arbeiterfußballs, über die Geschichte des jüdischen Fußballs in der Zeit des Nationalsozialismus, über die Aufarbeitung der Zeit 1933 bis 1945 bei vielen Vereinen, über die Rolle von Sinti und Roma im Fußball, über bundesweite Initiativen von Fanprojekten gegen Diskriminierung in den Kurven, über Rassismus im polnischen Fußball, über vereinsinterne Möglichkeiten im Vorgehen gegen Neonazis, über Diskriminierung im Amateurfußball und der Unterwanderung von Fanszenen durch Neonazis.

Themen, die aktueller denn je sind, Themen die auch in den kommenden Wochen und Monaten immer wieder auftauchen werden, Themen, die dringend in die Öffentlichkeit und die öffentliche Wahrnehmung gehören. Und dennoch gab es die nötige mediale Aufmerksamkeit erst, als zum Schluss die Präsidenten des DFB und der DFL kamen.

Über Zivilcourage und Verantwortung aus der Geschichte zu schreiben, reicht nicht. Zur Zivilcourage gehört auch, dass medial über das, was zur Zeit passiert und die Hintergründe berichtet werden kann. Das gemeinsame Ziel, die Bekämpfung von Rechtsradikalismus, Diskriminierung, Antisemitismus, Antiziganismus und Islamophobie dürfte dabei wohl nicht in Frage stehen. Hier muss dringend dran gearbeitet werden. Und zwar zu jeder Zeit. Gemeinsam!

Text: Ali Yalpi, bearbeitet: Björn Glienke